Todesurteil Bauchspeicheldrüsenkrebs?


Pankreaskarzinom

Die Heilungschancen des Pankreaskarzinoms hängen stark davon ab, wie frühzeitig der Tumor erkannt wird, erklärt Prof. Dr. med. Tobias Keck, Spezialist für Viszeralchirurgie und Direktor der Klinik für Chirurgie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck. Er appelliert daher auch in Zeiten der COVID 19-Pandemie dafür, notwendige Behandlungen auf keinen Fall aufzuschieben.

Interview: Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Stimmt es noch, dass Bauchspeicheldrüsenkrebs fast immer tödlich endet?

Prof. Keck: „In den vergangenen 20 Jahren wurden in der Behandlung von Pankreaskarzinomen erhebliche Fortschritte erzielt, auch dank moderner Operationsverfahren. Aber Bauchspeicheldrüsenkrebs ist und bleibt ein sehr aggressiver Tumor. Wenn es uns gelingt, den Krebs in einem frühen Stadium radikal zu entfernen und anschließend mit einer Chemotherapie nachzubehandeln, erreichen wir eine deutliche Verlängerung der Überlebenszeit und in einigen Fällen sogar eine Heilung. Das Problem ist allerdings, dass Bauchspeicheldrüsenkrebs häufig leider erst spät erkannt wird.“

Wie sind die Überlebenschancen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs?

Pankreas-Operation

Prof. Keck: „Wenn er in einem frühen Stadium (pT1) entdeckt wird und die umliegenden Lymphknoten noch nicht befallen sind, liegt die Überlebensrate nach fünf Jahren bei 50 Prozent. Patienten mit einem nicht operablen Pankreaskarzinom und/oder Metastasen haben dagegen nur eine Lebenserwartung von weniger als einem Jahr. Daher ist es auch so wichtig, dass Patienten mit Verdacht auf bösartige aber auch gutartige Pankreastumore umgehend eine Behandlung beginnen und sich aktuell auch nicht durch die Gefahr einer Corona-Ansteckung vom Krankenhausaufenthalt abschrecken lassen. Jeder Aufschub, jeder Monat Abwarten kann wertvolle Lebenszeit kosten und die Chancen, diesen aggressiven Krebs zu überleben, drastisch verringern.“

Warum sind Pankreaskarzinome so gefährlich?

Prof. Keck: „Pankreastumore wachsen sehr schnell und bilden frühzeitig Metastasen, sowohl in den umliegenden Lymphknoten als auch in der Leber oder der Lunge. Durch die späte Entdeckung ist eine Operation dann in vielen Fällen nicht mehr möglich. Neue Studien haben allerdings ergeben, dass es abhängig von der biologischen Struktur des Tumors ist, ob dieser mit seinen Metastasen auf eine Behandlung anspricht. Bei Pankreastumoren mit Oligometastasen, die auf maximal drei bis fünf Stellen begrenzt sind, kann eine vorgeschaltete (neoadjuvante) Chemotherapie bewirken, dass die Tumormasse schrumpft und eine Operation möglich wird.“

Wovon hängt es ab, ob operiert werden kann oder nicht?

Viszeralchirurg Prof. Keck am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck

Prof. Keck: „Wir besprechen jeden einzelnen Fall in einem Tumorboard, an dem Ärzte der verschiedenen Fachrichtungen teilnehmen. Zunächst geht es um die molekulare Charakterisierung des Tumors und die Frage, ob er ggf. auf eine neoadjuvante Chemotherapie anspricht. Nach dieser Datenlage beraten wir über die beste Therapie für den jeweiligen Patienten. Der Standard ist eine Operation, bei der im besten Fall eine komplette Resektion gelingt, plus adjuvante, also nachgeschaltete, Chemotherapie.“

Wie belastend ist eine Bauchspeicheldrüsen-OP für die Patienten?

Prof. Keck: „Die Operation dauert zwischen fünf und sechs Stunden und wird von den meisten Patienten gut überstanden. Das liegt auch daran, dass wir möglichst viel minimal-invasiv in der sogenannten ‚Schlüssellochtechnik’ operieren. Durch dieses schonende Operationsverfahren kommen die Patienten schnell wieder auf die Beine. Und Dank dieser Möglichkeit kann auch die adjuvante Chemotherapie im Anschluss rasch durchgeführt werden. Ist der Patient durch die Operation zu geschwächt, wäre diese Nachbehandlung schwierig.“

Wie häufig können Pankreasoperationen minimal-invasiv und roboter-assistiert durchgeführt werden?

Roboter-assistierte OP mit Prof. Keck

Prof. Keck: „Wir versuchen, wann immer es möglich ist, diese modernen Verfahren der Pankreaschirurgie anzuwenden, auch bei der Entfernung von Zysten in der Bauchspeicheldrüse, die als mögliche Vorläufer von Pankreastumoren gelten. Bei einer roboter-assistierten minimal-invasiven Operation tauche ich mit Hilfe der Technik in den Patienten ein. Ich sehe das Operationsfeld dreidimensional und 12-fach vergrößert. Statt stundenlang in Vorbeugung über dem Patienten zu stehen, sitze ich an der Konsole und bediene filigrane Instrumente ohne zu ermüden und ohne Störgrößen in meinem Umfeld. Das ist ein enormer Zugewinn an Präzision und Sicherheit. Bei fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs, der nicht nur die Tumorentfernung, sondern auch Gefäßersatz erfordert, operieren wir offen.“

Wie erfolgreich sind Operationen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs?

Prof. Keck: „Ich messe meinen Erfolg erstens daran, wie radikal ich den Tumor entfernen kann. Zweitens möchte ich den Eingriff möglichst komplikationsfrei durchführen und drittens möchte ich den Patienten ermöglichen, das Krankenhaus schnell wieder zu verlassen und rasch die nachfolgende Chemotherapie zu beginnen. Das sind die Messgrößen dieser sehr großen, komplexen Operation. Es ist ungemein wichtig, dass der Eingriff in einem Zentrum durchgeführt wird, das nicht nur eine hohe Zahl von Pankreasoperationen pro Jahr nachweisen kann, sondern dessen Gesamtstruktur auch ein durchdachtes Komplikationsmanagement aufweist. Die Mindestanforderung für Kliniken, die Pankreasoperationen durchführen, liegt gerade mal bei 10 Operationen pro Jahr. Das ist zu wenig - es sollten meiner Meinung nach mindestens 50 sein. Wir operieren hier am Campus Lübeck jedes Jahr mehr als 100 Patienten und brauchen diese Erfahrung auch, um besondere Situationen und Komplikationen zu beherrschen.“

Was müsste sich ändern, damit Bauchspeicheldrüsenkrebs in Zukunft rechtzeitiger diagnostiziert und erfolgreich behandelt werden kann?

Prof. Keck: „Das häufigste Problem ist, dass uns Patienten zu spät zugewiesen werden. Wir müssen das Bewusstsein für diese Krankheit schärfen: bei den Patienten selbst, aber auch bei den Haus- und Fachärzten. Patienten mit Symptomen und zystischen Veränderungen der Bauchspeicheldrüse sollten umgehend an Spezialisten überwiesen werden. Auch Diabetes-Patienten, die plötzlich einen starken Gewichtsverlust erleiden, sollten auf Raumforderungen in der Bauchspeicheldrüse untersucht werden. Eine Früherkennung und Bewertung sowie die adäquate Behandlung von Vorläuferläsionen sind unerlässlich, um die Gefahr eines Bauchspeicheldrüsenkrebses zu senken.“

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