Hirntumore schonend operieren


Hirntumore

Gerade bei bösartigen Hirntumoren geht es nicht nur darum, die Überlebenszeit zu verlängern, sondern auch die Lebensqualität zu erhalten, sagt Prof. Dr. med Veit Rohde, Spezialist für Neurochirurgie und Direktor der Neurochirurgischen Klinik im Universitätsklinikum Göttingen.

Interview: Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Die Diagnose „Hirntumor“ ist für die meisten Betroffenen ein Schock. Wie gut sind Hirntumore heutzutage behandelbar?

Prof. Rohde: „Den Schrecken dieser Diagnose kann ich natürlich gut nachvollziehen. Allerdings ist Hirntumor nicht gleich Hirntumor. Es gibt viele verschiedene Tumorerkrankungen mit unterschiedlichen Ausprägungen im Inneren des Schädels. Während bösartige Tumore sich leider nicht so einfach behandeln lassen, sind gutartige Hirntumore oft gut behandelbar und zum Teil sogar heilbar.“

Müssen Hirntumore immer behandelt werden?

Prof. Dr. med Veit Rohde,  Spezialist für Neurochirurgie

Prof. Rohde: „Einige gutartige Hirntumore erfordern nicht zwangsläufig eine Therapie. Dazu zählen zum Beispiel die von der harten Hirnhaut ausgehenden, kleinen Tumore wie etwa kleine, langsam wachsende Meningiome oder auch die vom Gleichgewichtsnerv ausgehenden Akustikusneurinome. Hier kann es ausreichen, sie regelmäßig bildgebend zu kontrollieren. Sofern kein besorgniserregendes Wachstum eintritt, ist keine Behandlung erforderlich. Bei bösartigen Hirntumoren gibt es dagegen keine Diskussion: Sie sind dringend behandlungsbedürftig, um das Überleben der Patientinnen und Patienten möglichst lange zu sichern.“

Wann wird ein Hirntumor operiert, wann nicht?

Prof. Rohde: „Wenn realisierbar, wird möglichst radikal operiert, weil dies für die Prognose günstig ist. Das heißt, es wird so viel Tumorgewebe entfernt, wie möglich. Inwieweit sich eine Radikalität erreichen lässt, ist abhängig von der Art des Tumors und seiner Lage im Gehirn. Bei symptomlosen gutartigen Tumoren ist – wie gesagt – zunächst auch ein Zuwarten möglich.“

Im Gehirn liegen unter anderem unser Sprach- und Bewegungszentrum. Könnten sie durch die Operation eines Hirntumors Schaden nehmen?

Prof. Rohde: „Wenn Hirntumore diese Areale einbeziehen, ist eine Operation sehr viel komplexer. Wir befinden uns dann auf einer Gratwanderung zwischen Radikalität und Funktionserhalt. Um diese Gratwanderung zu meistern, verfügen moderne Kliniken wie unsere allerdings über verschiedene Hilfsmittel. Zu nennen ist das Monitoring während der Operation, um die Bewegungsfähigkeit zu kontrollieren. Oder eine Wach-OP, wenn es darum geht, das Sprachzentrum und andere kognitive Funktionen während des Eingriffs fortlaufend zu überprüfen. Auch dank dieser Möglichkeiten sind die Operationen sehr viel sicherer und schonender geworden.“

In anderen Körperteilen wird sicherheitshalber auch ein Teil des gesunden Gewebes rund um die Tumoren entfernt – ist dies auch im Gehirn möglich?

Prof. Rohde: „Wir wissen, dass bei bösartigen Tumoren, die vom Hirngewebe ausgehen, Krebszellen häufig auch in deutlicher Entfernung vom Tumor existieren. Aus diesem Grund lässt sich ein erneutes Wachstum nicht ganz verhindern. In der Diskussion hingegen ist aktuell die Frage, wie man mit Metastasen im Gehirn umgehen sollte. Der Trend geht zurzeit dahin, radikaler zu operieren, indem der Randbereich von einem halben oder ganzen Zentimeter mit entfernt wird.“

Warum gelingt es nicht immer, das gesamte Tumorgewebe zu entfernen?

Hirntumor-Operation

Prof. Rohde: „Unser Anspruch ist natürlich möglichst den gesamten Tumor zu entfernen. Dies gelingt laut Studien auch in über 70 Prozent der Fälle. Sofern der Tumor aber wichtige Zentren im Gehirn infiltriert hat, wird dieses Tumorgewebe belassen, um durch die Operation diese Zentren nicht zu schädigen. Aber dies bedeutet leider auch: Je mehr Tumorgewebe im Schädelinneren erhalten bleibt, desto schlechter ist die Lebenserwartung der Patientin oder des Patienten. Allerdings muss man bedenken, dass die Überlebenszeit bei bösartigen Hirntumoren selbst bei einer optimalen Tumorentfernung kombiniert mit einer Radio-Chemo-Therapie bei etwa 2 Jahren liegt. Daher sollte man sich gut überlegen, ob man bei einer Operation riskieren will, diese Patientinnen und Patienten durch mögliche neurologische Defizite zu belasten, zumal bekannt ist, dass durch die Operation hervorgerufene Defizite die Prognose beeinträchtigen. Bei gutartigen Hirntumoren kann man diese Grenze zwischen Radikalität und Lebensqualität ganz anders ausloten: Wenn hier nach einer Operation die Lebenserwartung bei 20 bis 30 Jahren liegt, dann sind viele Patienten dankbar für diese lange Überlebenszeit und nehmen dafür leichte neurologische Defizite in Kauf.“

Wie häufig kommt es im Anschluss an eine Hirntumor-OP zu Ausfallerscheinungen oder anderen unerwünschten Folgen?

Prof. Rohde: „Falls Tumore in direkter Nähe des Sprach- oder Bewegungszentrums liegen, kommt es trotz der bereits genannten Überwachungsmaßnahmen in etwa 10 Prozent der Fälle zu Lähmungen oder Sprachstörungen. Zum Glück allerdings betreffen die meisten Hirntumore diese Zentren gar nicht. Häufige generelle Folgen sind eine vorübergehende, etwa 6 Wochen anhaltende Erschöpfung, verminderte Leistungsfähigkeit und Konzentrationsschwächen. Das liegt aber vor allem daran, dass der Körper nach so einem Eingriff Ruhe braucht, um sich zu regenerieren.“

Wie aufwändig ist eine Hirntumor-Operation?

Prof. Rohde: „Der Eingriff dauert im Schnitt 2 bis 3 Stunden. Im Vorfeld findet eine genaue Planung statt. Wir verwenden seit mittlerweile 25 Jahren für die Operationen ein Navigations-System, das uns den optimalen Weg zum Tumor weist. Die Chirurgie selbst ist trotzdem sehr anspruchsvoll. Auch weil ich während der Operation laufend die Informationen der Überwachungs-Maßnahmen verwerten und einbeziehen muss. Besonders wenn Tumore in heiklen Regionen liegen, sind es schwierige Eingriffe, die höchste Präzision und Erfahrung erfordern.“

Sind nach einer Hirntumor-OP eine Bestrahlung und/oder Chemotherapie notwendig?

Prof. Rohde: „Bei bösartigen, vom Hirngewebe ausgehenden Tumoren folgt einer Operation immer eine kombinierte Radio-Chemotherapie und anschließend eine Mono-Chemotherapie.“

Wie aufwändig ist die Entfernung von Metastasen im Gehirn?

Neurochirurgische Klinik im Universitätsklinikum Göttingen

Prof. Rohde: „Die Operation von Hirnmetastasen wird immer individuell abgewogen. Dabei spielen unter anderem die Größe, die Anzahl und die Frage, ob sie Symptome verursachen, eine Rolle. Bei vielen kleinen Metastasen ist eine Operation nicht erforderlich. In diesen Fällen ist je nach Art des Ursprungstumors über eine Chemotherapie und/oder Bestrahlung nachzudenken. Größere Metastasen werden operativ angegangen, hierbei können durchaus auch 2 bis 3 Metastasen an unterschiedlichen Stellen im Gehirn während eines Eingriffs entfernt werden. Wichtig ist zu wissen, dass nach den neuesten Erkenntnissen Hirnmetastasen selten die Überlebenszeit begrenzen. Entscheidend ist hier vielmehr die Kontrolle des zugrunde liegenden Krebsleidens. Zudem kommen bei Hirnmetastasen auch radiochirurgische Verfahren wie das CyberKnife oder GammaKnife in Frage.“

Wie sind die Erfolgsaussichten bei der Operation von Hirntumoren oder Metastasen?

Prof. Rohde: „Bei bösartigen Hirntumoren liegt die Überlebenszeit bei bis zu 2 Jahren. Längere Überlebenszeiten finden sich leider nur bei etwa 5 Prozent der erkrankten Patientinnen und Patienten. Aber: Seit den 90er Jahren hat sich die Überlebenszeit nach der Diagnose ‚bösartiger Hirntumor‘ bereits mehr als verdoppelt. Es wäre natürlich wünschenswert, dass wir hier noch befriedigendere Ergebnisse erzielen. Ein Meilenstein wäre sicher das gezielte Durchbrechen der Blut-Hirnschranke. Diese verhindert nämlich bisher, dass Medikamente in höherer Dosierung das Gehirn erreichen. Ich werde immer wieder gefragt, ob sich Hirntumore durch Vorsorge etwa bei regelmäßigen MRT-Kontrollen rechtzeitiger erkennen lassen. Diese Frage muss ich aber mit ‚nein‘ beantworten. Gutartige Hirntumore werden zwar manchmal als Zufallsbefunde bei anderen Untersuchungen nachgewiesen. Bösartige Hirntumore wachsen aber zu schnell, als dass beispielsweise eine MRT-Vorsorge im 2-Jahres-Rhythmus etwas bringen könnten.“

 

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