Dr. Keim beantwortet wichtigste Fragen zu Inkontinenz und anderen Beckenbodenbeschwerden


Urogynäkologie

Viele Frauen trauen sich erst im fortgeschrittenen Stadium und bei eingeschränkter Lebensqualität, ihr Beckenbodenproblem einem Arzt zu schildern. Gynäkologen und niedergelassene Ärzte sollten ihre Patienten proaktiv auf mögliche Beschwerden wie Inkontinenz aber auch das Sexualleben ansprechen, fordert Dr. med. Sabine Keim, Spezialistin für gynäkologische Onkologie und Brustkrebs sowie Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Helios Klinikum München West. Sie beantwortet die wichtigsten Fragen zu Inkontinenz und anderen Beckenbodenbeschwerden.

Interview: Susanne Amrhein

Was sind typische Anzeichen von Beckenbodenproblemen?

Dr. Keim: „Wir unterscheiden hier zwischen Inkontinenzerscheinungen und Senkungsbeschwerden. Das Bindegewebe wird bei Frauen im Laufe des Lebens schwächer. Je mehr Geburten eine Frau hatte und je schwerer die Kinder waren, desto häufiger treten im fortgeschrittenen Alter Beckenbodenprobleme auf, da durch Schwangerschaft und Geburt Mikrotraumen in der Muskulatur des Beckenbodens entstehen.

Bei einer Senkung der Blase oder der Gebärmutter berichten mir Patientinnen häufig, dass sie ein Fremdkörpergefühl in der Scheide spüren. Das kann sich anfühlen wie ein Pfropfen, der im Stehen oder beim Gehen stört. Bei einer Senkung der Scheide, einer Blasensenkung (Zystozele) oder Gebärmuttersenkung (Prolaps uteri) kann es vorkommen, dass diese sich vor den Scheideneingang legen oder sogar austreten. Diese Senkungsanzeichen können dann sogar von den Frauen ertastet bzw. unter Zuhilfenahme eines Spiegels erkannt werden. Bei der Inkontinenz unterscheiden wir drei Formen: die Belastungsinkontinenz, die Dranginkontinenz und eine Mischform.“

Wie können Senkungen konservativ, also nicht operativ behandelt werden?

Dr. Keim: „Im Beckenboden können sich verschiedene Bereiche senken. Das sind im vorderen Kompartiment die Harnblase, im mittleren die Gebärmutter und der Scheidenabschluss und im hinteren Kompartiment der Enddarm. Häufig haben wir es mit kombinierten Senkungen der Blase und der Gebärmutter, bzw. des Scheidenabschlusses zu tun.

In einem ersten Schritt versuchen wir grundsätzlich durch Beckenbodentraining oder auch Physiotherapie eine Straffung der Beckenbodenmuskulatur zu erreichen. Häufig helfen auch Änderung der persönlichen Lebensführung, also Gewichtsabnahme, mehr Bewegung oder Nikotinverzicht. Auch mechanische Hilfsmittel wie Ring- oder Würfelpessare, die in der Scheide getragen werden, können  die Senkungsbeschwerden verbessern. Erst wenn diese Therapien nicht den gewünschten Erfolg zeigen bzw. eine dauerhafte Lösung gesucht wird, ziehen wir operative Maßnahmen in Betracht.“

Welche Operationsverfahren sind bei Senkungen möglich?

Dr. Keim: „Bei einer Senkung der Blase, der Gebärmutter oder des Scheidenabschlusses raffen wir das körpereigene Spannungsnetzwerk, die Faszien (vordere Plastik, Kolporrhaphia anterior) und fixieren die Gebärmutter bzw. den Scheidenabschluss am sakrospinalen Band, einer Sehne. Eine Hebung ist grundsätzlich auch mit Hilfe von Kunststoffnetzen möglich. Allerdings setzen wir diese eher bei Zweiteingriffen (Rezidiven) ein. Zunächst ist es immer besser, körpereigenes Gewebe zu nutzen. Analog geht man bei einer Senkung des Enddarms vor.“

Wie kann eine Inkontinenz behandelt werden?

Dr. Keim: „Hier muss man zunächst klären, um welche Form der Inkontinenz es sich handelt: Wir unterscheiden zwischen einer Drang-Inkontinenz und einer Belastungs-Inkontinenz. Bei einer Drang-Inkontinenz haben die betroffenen Frauen das Gefühl, tagsüber aber auch nachts den Urin nicht halten zu können, insbesondere dann, wenn sie sich in der Nähe einer Toilette befinden. Der hyperfrequent kontrahierende Blasenmuskel lässt sich gut durch Medikamente ruhig stellen.

Alternativ dazu sind auch Botox-Injektionen in die Harnblasenwand möglich. Der Effekt hält acht bis zwölf Monate an. Beide Verfahren sind sehr gut geeignet, um die Inkontinenz so zu kontrollieren, dass die Frauen entlastet sind und ihre Lebensqualität zurück gewinnen. Bei einer Belastungs-Inkontinenz können die Patientinnen bei Belastung, wie z.B. Husten, Niesen, Laufen oder Heben den Urin nicht halten. Hier wird die Harnröhre durch Kunststoffbänder (TVT oder TVT-O) gestützt und ein unwillkürlicher Harnaustritt vermieden. Mir ist wichtig zu betonen, dass es sich um etablierte, belastungsarme Operationsverfahren handelt, die für Frauen jeder Altersstufe geeignet sind. Heutzutage muss niemand mehr mit nassen Windeln oder einem dauerhaften Schamgefühl leben.“

Besteht die Gefahr, dass Beckenbodenerkrankungen nach abgeschlossener Behandlung erneut auftreten?

Dr. Keim: „Wir haben sehr gute und nachhaltige Erfolgsergebnisse. Leider gibt es in wenigen Fällen Rezidive, z.B. bei komplexen Senkungsproblemen oder ausgeprägter Bindegewebsschwäche. Allerdings sollten sich auch hier Frauen nicht scheuen, erneut eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen aufzusuchen. Auch bei wiederholten Senkungsbeschwerden oder dem Wiederauftreten einer Inkontinenz gibt es mehrere Optionen, um diese Probleme zu beheben. Ich kann betroffenen Frauen nur raten: Suchen Sie sich Hilfe, warten Sie nicht lange, sondern fragen Sie nach. Bei Inkontinenz und Senkungsbeschwerden kann Ihnen geholfen werden.“

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