Herzgefahr bei Corona – unerkannt?


Covid-19

Das Corona-Virus kann auch das Herz schädigen. Aber vor allem ist es gefährlich, aus Angst vor einer Ansteckung auf die Behandlung von Herzproblemen zu verzichten, erklärt Prof. Dr. med. Sigmund Silber, Spezialist für Kardiologie/Interventionelle Kardiologie mit eigener Praxis in München.

Interview: Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Greift Corona auch das Herz an?

Prof. Dr. med. Sigmund Silber, Spezialist für Kardiologie/Interventionelle Kardiologie

Prof. Silber: „Ein klares ja, da ist sich die Wissenschaft einig - und zwar relativ häufig auch unbemerkt. Hierbei muss man unterscheiden, ob ‚lediglich‘ Viren in das Herz eindringen oder ob es durch eine überschießende Abwehrreaktion des Körpers zu schweren, zum Teil auch bleibenden Schädigungen kommen kann. Die Häufigkeit einer Herzbeteiligung bei bzw. nach einer gesicherten COVID-19 Erkrankung liegt aufgrund von Studien aus Hamburg und Frankfurt/Main zwischen 60 und 80 Prozent. Die relevanten Schädigungen können sehr unterschiedlich sein: Am häufigsten ist eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) in ca. 26 Prozent der Fälle, gefolgt von der Möglichkeit eines Herzinfarktes bei ca. 20 Prozent.“

Sind seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Menschen an Herzinfarkten und anderen schweren Herzerkrankungen gestorben als vorher?

Prof. Silber: „Diese Frage ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht schlüssig zu beantworten. Was wir von Daten aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland definitiv wissen, ist, dass während der ‚ersten Welle‘ weniger Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt oder Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz) in den Kliniken aufgenommen wurden. Man könnte hieraus den falschen Schluss ziehen, dass in Pandemiezeiten weniger Herzinfarkte auftreten. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass eine Reihe von Menschen mit Herzinfarkt vermieden haben, sich in Kliniken zu begeben - aus Angst sich anzustecken. Ob von diesen Patientinnen und Patienten, die vermutlich ‚ihren Herzinfarkt‘ zu Hause durchgemacht haben, mehr verstorben sind, wissen wir nicht. Es kann aber vermutet werden. In den aktuellen Statistiken wird routinemäßig die Floskel verwendet ‚an oder mit Corona verstorben‘. Es dann durchaus sein, dass in der Gruppe ‚mit Corona verstorben‘ auch Menschen enthalten sind, die an einem Herzinfarkt verstarben.“

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Anzahl der Behandlungen von Herzerkrankungen und Herzinfarkten in Kliniken aus?

Prof. Silber: „Enorm! Die Sterblichkeit von Patientinnen und Patienten mit akutem Herzinfarkt ist in den Kliniken während der Pandemie im Vergleich zu vorher dramatisch angestiegen, so z.B. in Italien von 4,1 auf 13,7 Prozent oder in Deutschland von 5,2 auf 17,7 Prozent! Das liegt aber nicht daran, dass Menschen mit Herzinfarkt in Corona-Zeiten schlechter behandelt wurden, sondern daran, dass sie viel zu spät in die Kliniken kamen: Teils weil sie Angst hatten, sich anzustecken. Teils aber auch weil ihnen dringend geraten wurde, zu Hause zu bleiben, um die Kliniken ‚wegen Corona‘ zu entlasten. Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt, die erst spät nach dem Schmerzereignis in die Klinik kommen, haben eine Vielzahl von ‚mechanischen Komplikationen‘, wie etwa einen Einriss der Herzkammer oder einen Abriss der Herzklappenhalterungen, die dann mit einer hohen Sterblichkeit einhergehen.“

Mit welchen Anzeichen oder Herzbeschwerden sollten Patienten sofort einen Arzt oder eine Klinik aufsuchen?

Prof. Silber: „Es gilt unverändert, wie auch schon vor der Pandemie: Plötzlich auftretende Schmerzen in der Mitte der Brust - also hinter dem Brustbein in Ruhe oder bei körperlicher Belastung - oder erstmals aufgetretene Atemnot sind als Alarmzeichen zu werten. Je nach Intensität der Beschwerden sollte für eine Kontrolle per EKG und Blutentnahme unverzüglich eine hausärztliche Praxis aufgesucht werden oder der ärztliche Notdienst gerufen werden. Keine Verzögerung aus Angst vor Ansteckung in Praxis oder Klinik, keine Zurückhaltung, um Betten ‚für Corona‘ frei zu halten!“

Eine klassische Belastungs-Untersuchung sollte während der Corona-Pandemie möglichst nicht erfolgen. Ist in Zeiten von COVID 19 überhaupt eine aussagekräftige Herzdiagnostik möglich?

Prof. Silber: „Ja, in jedem Fall. Wenn Sie mit ‚klassische Belastungs-Untersuchung‘ die körperliche Belastung meinen (wie z.B. das Belastungs-EKG), dann sollte diese in der Tat vermieden werden, um einen durch die Anstrengung verursachte erhöhte Aerosol-Ausstoßung und somit eine Gefährdung des Praxispersonals zu vermeiden. Abgesehen davon, dass vom Belastungs-EKG zur Diagnostik einer Durchblutungsstörung des Herzens in den Europäischen Leitlinien ohnehin wegen seiner geringen Aussagekraft abgeraten wird, sollten grundsätzlich bildgebende Verfahren bevorzugt werden. Bei diesen Verfahren (Myokardszintigraphie, Stressechokardiographie oder Kernspintomographie) kann auf eine körperliche Belastung verzichtet werden, indem man eine sogenannte ‚pharmakologische Belastung‘ durchführt: Es wird ein Medikament gespritzt (z.B. Regadenoson), welches die körperliche Belastung ersetzt, eine erhöhte Aerosol-Ausstoßung vermeidet und somit das Praxispersonal schont.“

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