Welche Chancen bietet eine Kombination von Strahlen- und Immuntherapie?


Krebstherapie

Verschiedene Studien beschäftigen sich aktuell mit der Wirkung, die sich bei bestimmten Krebserkrankungen durch eine Kombination von Strahlen- und Immuntherapie erreichen lässt. Eine Einschätzung von Prof. Dr. med. Daniel M. Aebersold, Spezialist für Strahlentherapie und Radio-Onkologie, sowie Direktor und Chefarzt der Universitätsklinik für Radio-Onkologie im Inselspital – Universitätsspital Bern.

Interview: Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Wie funktioniert eine Kombination aus Strahlen- und Immuntherapie?

Inselspital – Universitätsspital Bern Haupteingang

Prof. Aebersold: „Bereits in den 1950er Jahren wurde das Phänomen beschrieben, dass die lokale Bestrahlung eines Tumors eine Reaktion des Immunsystems auslösen kann. Durch Einwirkung der Strahlentherapie verkleinerte sich nicht nur der bestrahlte Tumor, sondern es schrumpften auch Fernmetastasen außerhalb des Bestrahlungsfeldes. Diese Wirkung wurde der Reaktion des Immunsystems zugeschrieben. Nach der Entwicklung moderner Immuntherapien wird nun untersucht, inwiefern eine Bestrahlung die Wirkung von immunmodulierenden Medikamenten verstärken kann und umgekehrt.“

Wie ist die Verstärkung der Immunantwort zu erklären?

Prof. Aebersold: „Dieses Phänomen wird als ‚abskopaler Effekt’ bezeichnet. Er kommt vermutlich zustande, weil die Radiotherapie in dem bestrahlten Tumorgewebe den programmierten Zelltod auslöst. Dieser wiederum aktiviert das Immunsystem und ermöglicht dadurch, dass auch andere Krebszellen im Körper, wie z.B. Metastasen, vom Immunsystem erkannt und bekämpft werden. Die Immunantwort wird durch den Einsatz von sogenannten ‚Checkpoint Inhibitoren’ verstärkt. Diese docken an den Tumorzellen an und machen das Krebsgewebe für das Immunsystem sichtbar. Sie heben sozusagen die Tarnung des Tumors auf. Durch die vorgeschaltete Bestrahlung hofft man also, die Wirkung einer Immuntherapie zu verstärken.“

Wie äußert sich der Erfolg einer kombinierten Radio- und Immuntherapie in Bezug auf die Heilungs- oder Überlebenschancen?

Universitätsklinik für Radio-Onkologie im Inselspital  - Therapie

Prof. Aebersold: „Es gibt ermutigende Studienergebnisse für die Behandlung des nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms, einem häufig auftretenden Krebsleiden. Leider konnten solche synergistischen Effekte bei einer Studie zu Kopf-Hals-Tumoren, die bereits Metastasen gebildet haben, vorerst nicht bestätigt werden. Das heißt, bisher konnte in dieser Patientengruppe nicht nachgewiesen werden, dass die Kombinationstherapie das progressionsfreie Überleben (Zeitraum, in dem der Tumor nicht weiter wächst) oder auch das Gesamtüberleben verlängert. Wichtig wäre es allerdings, in zukünftigen Untersuchungen zur Wirksamkeit genau die Patienten auszuwählen, für die eine Kombination aus Radio- und Immuntherapie den größten Erfolg verspricht. Dafür müssen sowohl der Tumor als auch der Patient selbst bestimmte Eigenschaften aufweisen, die im Vorfeld genau untersucht und bestimmt werden müssen. Nur wenn genügend Patienten mit diesen Voraussetzungen in einer Studie untersucht werden, sind belastbare Aussagen möglich. Zudem sollten wir versuchen, die Wirksamkeit dieser Kombinationstherapie nicht nur am klinischen Erfolg zu messen, sondern beispielsweise mit Hilfe von Biomarkern bereits zu einem früheren Zeitpunkt nachzuweisen.“

Für welche Tumore ist diese Kombinationstherapie geeignet?

Prof. Aebersold: „Die immunmodulierenden Krebstherapien kommen vorwiegend bei Melanomen (schwarzer Hautkrebs), nichtkleinzelligem Lungenkrebs, Nierenzellkarzinomen und Plattenepithelkarzinomen (bösartiger Hauttumor) zum Einsatz. Außerdem haben Studien, wie erwähnt, den Einsatz bei Kopf-Hals-Tumoren untersucht. Bei welchen Tumoren die Kombination mit Bestrahlung zu einer tatsächlichen Verbesserung des Therapieerfolgs führt, wird aktuell in mehr als zweihundert klinischen Studien getestet. Von den verfügbaren laborexperimentellen Daten ist zu schließen, dass das synergistische Potential im Prinzip auch bei vielen weiteren Tumorarten vorhanden ist.“

Wird diese Therapiekombination bereits außerhalb von Studien angewandt?

Prof. Dr. med. Daniel M. Aebersold, Spezialist für Strahlentherapie und Radio-OnkologieProf. Aebersold: „Da die Immuntherapie häufig durchgeführt wird, wenn andere Therapien nicht die gewünschte Wirkung erzielt haben, ist die Kombination mit der Radiotherapie auch im klinischen Alltag gegeben. Eine Bestrahlung ist häufig bereits im Vorfeld, während der Immuntherapie oder im Anschluss erfolgt. Um aus diesen Erfahrungen zu lernen, werden die Daten solcher im Alltag behandelten Patienten gesammelt und ausgewertet.“

Falls sich positive Effekte der kombinierten Radio- Immuntherapie nachweisen lassen – wann könnte sie in der Krebsbehandlung etabliert werden?

Prof. Aebersold: „Der Fortschritt in der Onkologie ist meist langsamer, als man sich wünscht. Am wichtigsten sind positive Daten aus groß angelegten Vergleichsstudien, deren Durchführung meist einige Jahre dauert. Beim erwähnten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom haben die positiven Ergebnisse bereits zu einer Anpassung der Leitlinien geführt. Bei anderen Tumorarten werden wir hoffentlich in den kommenden Jahren weitere Durchbrüche sehen. Neben enttäuschenden Resultaten wie bei metastasierten Kopf-Hals-Tumoren gibt es mittlerweile auch viele ermutigende Zwischenergebnisse.“

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