Hyperthermie in der Krebsbehandlung - Prof. Bodis


Neue Chancen für die Hyperthermie in der Onkologie

Ein Interview mit Professor Stephan Bodis, Kongresspräsident der „European Society for Hyperthermic Oncology“ und Leiter des Radio-Onkologie-Zentrums der Kantonsspitäler Aarau und Baden, Schweiz. Obwohl die Hyperthermie, die Wärmebehandlung des Tumorgewebes, seit vielen Jahrzehnten praktiziert wird, steht sie im Spektrum der Krebstherapien noch immer am Rand. Nun könnten technische Weiterentwicklungen und vielversprechende klinische Studien die Hyperthermie in Zukunft verstärkt in den Fokus der Mediziner und Patienten rücken. Die neuen Entwicklungen stehen auch im Zentrum des 30. Jahrestreffens der „European Society for Hyperthermic Oncology“ (ESHO) , das vom 24. – 26. Juni 2015 in der Schweiz (Zürich und Aarau) stattfindet. Kongresspräsidenten sind Professor Niels Kuster (ETH Zürich und IT’IS Foundation) und Professor Stephan Bodis.
 
PRIMO MEDICO: Herr Professor Dr. Bodis, welche neuen Möglichkeiten eröffnen sich beispielsweise durch die Weiterentwicklung der medizinischen Geräte?
 
Prof. Bodis: Mit Hilfe einer neuen digitalen Gerätegeneration mit ebenfalls neuen Steuerungsmöglichkeiten kann man z.B. die Wärmeintensität besser kontrollieren und auch zielgenauer einsetzen. Es gibt beispielsweise einen sogenannten „Feedback-Loop“, der zurückmeldet, wie hoch die Temperatur im Tumor selbst ist und daraufhin ggf. eine automatische Korrektur einleitet. Dies betrifft das heikle Problem, dass Wärme durch die Durchblutung des Gewebes sehr schnell abtransportiert wird. Daher steht und fällt alles mit der genauen Messung vor Ort oder zumindest in Tumornähe. Dazu können Thermosonden direkt in den Tumor gelegt werden. Für die Patienten ist allerdings die halb-invasive Form angenehmer, bei denen die Messsonden in Körperöffnungen platziert werden: bei einem Bauchspeicheldrüsenkrebs also beispielsweise im Gallengang, im Zwölffingerdarm und im Magen. Sehr vielversprechend, allerdings noch nicht ganz ausgereift, ist die Magnetresonanz-basierte Temperaturmessung, mit der es möglich ist, eine Art Wärmelandkarte zu erstellen. Es gibt bereits ein Gerät auf dem Markt, das allerdings noch einige „Kinderkrankheiten“ aufweist. Aber ich gehe davon aus, dass wir mit einer zweiten Gerätegeneration hier einen deutlichen Fortschritt erzielen werden, der in zwei Jahren für die Patienten spürbar wird.
 
PM: Welche Fortschritte können Sie für die Hyperthermie aus dem Bereich der Software vermelden?
 
Prof. Bodis: Wir müssen dringend auf den Stand kommen, den wir bereits in der Radio-Onkologie haben. D.h. wir möchten ein präzises anatomisches und metabolisches Bild haben von der Tumorsituation, wir möchten eine Software-Planungssimulation haben, mit der wir im Vorfeld verschiedene Planvarianten prüfen und anschließend einen maßgeschneiderten Therapieplan erstellen können. Dieser müsste interdisziplinär diskutiert und selektiert werden können. Es müsste auch die Möglichkeit geben, diesen Therapieplan während der Behandlung ständig zu überprüfen und zu aktualisieren. Einzelne dieser Komponenten sind bei neuen Geräten in Europa bereits im Einsatz.
 
PM: Welche Erkenntnisse haben die neuesten Studien ergeben?
 
Prof. Bodis: Es gibt gute Daten aus verschiedenen klinischen Studien der letzten Jahre, aber diese wurden zu lange zu wenig gehört. Es gibt führende onkologische Journale, die das Gebiet der onkologischen Hyperthermie aufgegriffen haben. Und es gibt Meta-Analysen, die alle verfügbaren klinischen Studiendaten zusammenfassen und analysieren. Ich möchte auf eine aktuelle Publikation in „Cancer Treatment Reviews“ verweisen, die hier in Aarau von Professor Dr. med. Niloy Datta mit einem internationalen Team geschrieben wurde. Er hat übergreifend über sämtliche Tumor-Organe versucht aufzuzeichnen, wo bereits publizierte Studiendaten vorhanden sind, die zeigen, dass Hyperthermie einen Unterschied machen kann, primär für die Lokalkontrolle des Tumors aber auch für die Überlebenschancen des Patienten. Wir sind uns endlich bewusst, dass wir das, was bereits publiziert wurde, auch besser kommunizieren müssen.
 
PM: Wo müssen neue Studien Ihrer Meinung nach ansetzen?
 
Prof. Bodis: Es gibt drei Einsatzmöglichkeiten der Hyperthermie in Kombination mit der Radiotherapie für die verbesserte Lokalkontrolle eines Tumors: Weiterhin gibt es Entwicklungen, die bisher nur selten angewandt werden, bzw. noch nicht über das Stadium der klinischen oder sogar prä-klinischen Studien hinausgekommen sind und weiterer Untersuchungen bedürfen, wie z.B. der Einsatz thermosensitiver Liposomen oder Nanopartikel , bei denen die Wärme direkt an den „Ort der Not“ transportiert und dort erst freigesetzt wird. Hier gibt es noch sehr wenige Studien. Eine eigene klinische Studie, die wir für den Frühherbst planen, bezieht sich auf Bauchspeicheldrüsenkrebs, das Pankreas-Karzinom, einen der tödlichsten Tumore bei Erwachsenen. Er wird häufig in einem Stadium entdeckt, wo ein chirurgischer Eingriff sehr schwierig oder nicht mehr möglich ist. Hier werden wir die bestmöglichen Chemo-Radio-Therapien einmal mit und einmal ohne Hyperthermie vergleichen. Bei einer weiteren eigenen Studie geht es um die Bestätigung von Daten, die bereits vorliegen: der Behandlung von Patienten mit einem fortgeschrittenen lokal-invasiven Blasenkarzinom, deren einzige Option oft nur in der Entfernung der Blase mit Einsetzen einer Ersatzblase besteht. Wir haben bisher sieben Patienten kombiniert mit Hyperthermie und Chemo-Radiotherapie behandelt und alle Patienten sind bis jetzt tumorfrei. Die Verlaufsbeobachtungen sind allerdings noch sehr kurz. Wissenschaftlicher Fakt ist: wir brauchen auch hier mehr Daten und eine längere Beobachtungszeit, bis wir diese Resultate an eine größere Glocke hängen dürfen.
 
PM: Warum fehlt der Hyperthermie die Unterstützung einer Lobby?
 
Prof. Bodis: Die Hyperthermie ist eine Nischentherapie. Wärmebehandlungen werden instinktiv eher dem Bereich der Wellness- und Wohlfühltherapien zugeordnet. Und es ist eine Therapieform, die längere Zeit weit hinter ihren technischen Möglichkeiten zurückblieb. Es hat damit zu tun, dass es zu wenig Forschungsgruppen gibt, die sich der Hyperthermie hauptberuflich annehmen. Daher haben wir keine nationale Lobby, die mit der Hyperthermie auch Geschäfte machen will und stark genug ist, dieses Thema auch international zu vermarkten.
 
PM: Wie wirken sich die neuen Erkenntnisse auf die Patienten aus?
 
Prof. Bodis: Eine Hyperthermie-Sitzung dauert lange und der Patient schwitzt bei den erhöhten Körpertemperaturen von 39 – 43 Grad. Für die Zukunft ist denkbar, dass man mit kleineren Volumen und niedrigeren Temperaturen arbeiten kann. Also dass man mit Hilfe des biologischen Profils des Tumors und des Patienten sowie einer zeitgemäßen Soft- und Hardware individueller applizieren kann. Stichworte dieser unmittelbar bevorstehenden Therapieapplikationen sind „personalisierte Hyperthermie“ und „adaptive Hyperthermie“, die in einem Kreislauf ständig versucht, die Dosis zu erreichen, die für diesen Patienten optimal ist.
 
PM: Ist es denkbar, dass die Hyperthermie in Zukunft routinemäßig in Behandlungspläne von Krebspatienten integriert werden könnte?
 
Prof. Bodis: Bei bestimmten Indikationen ist die Hyperthermie, immer kombiniert mit Radio- und/oder Chemotherapie, bereits Teil der Routine-Behandlung, z.B. in den Niederlanden und in Deutschland und mit gewissen Abstrichen auch in der Schweiz. Was sich schon bald breit durchsetzen könnte, ist die Re-Behandlung mit Hyperthermie und Bestrahlung beim Brustwandrezidiv des Mammakarzinoms und beim Rektumkarzinom. Der primäre Einsatz mit Bestrahlung und Chemotherapie ist Routine beim fortgeschrittenen Anal-Karzinom, fortgeschrittenen Gebärmutterhalskrebs, beim fortgeschrittenen Blasenkarzinom oder bei bestimmten Kopf-Hals-Tumoren. Überall dort, wo die Radio-Chemo-Therapie allein wahrscheinlich nicht ausreicht für eine Heilung. Meiner Meinung nach sind die Verbesserungen der Thermometrie und der Planungssoftware Schlüsselkomponenten für die Zukunft. Ohne präzise Darstellung, was wir tun, ist die Glaubwürdigkeit immer noch etwas in Schieflage. Der Chirurg kann verständlich darlegen, wie er operieren wird. Genauso müssen wir Bestrahlungspläne erstellen und verständlich aufzeigen, wie wir in der Hyperthermie unsere Patienten behandeln. Wir glauben an die „Tumor-Boards“, also die inter-disziplinären Fallbesprechungen. Hier müssen wir vermehrt Hyperthermiepläne demonstrieren und diskutieren. Das ist der Schlüssel für die Akzeptanz.  
 
Copyright: PRIMO MEDICO, Autor Susanne Amrhein, im Auftrag von Prof. Dr. med. Stephan Bodis Leiter des Radio-Onkologie-Zentrums der Kantonsspitäler Aarau und Baden, Schweiz. Mehr Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu Prof. Dr. Stephan Bodis finden Sie hier.  
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