Fettverteilungsstörung – die verkannte Krankheit


Lipödem

Lipödeme oder Fettverteilungsstörungen sind chronische Fettstoffwechselerkrankungen, die leider häufig nicht als solche erkannt werden, erklärt Dr. med. Björn Krüger, Spezialist für Plastische & Ästhetische Chirurgie und Chefarzt der Fachklinik für Lipödemchirurgie der Grafental Klinik GmbH in Düsseldorf.

Interview: Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Was versteht man unter einer Fettverteilungsstörung bzw. einem Lipödem?

Dr. Krüger: „Bei dieser Erkrankung ist das Unterhautfettgewebe vermehrt. Meist sind von diesen auffälligen Fettanlagerungen die Beine oder auch die Arme betroffen.“

Was ist der Unterschied zwischen Lipödemen und Fetteinlagerungen durch Übergewicht?

Dr. Krüger: „Bei Übergewicht betreffen die Fetteinlagerungen häufig den Körperstamm, also vor allem Bauch und Oberkörper. Bei Lipödemen sind vorwiegend und überproportional die Beine oder Arme betroffen, während der Oberkörper schlank bleibt. Bei Lipödemen handelt es sich eigentlich nicht um klassische Ödeme, also Schwellungen aufgrund von Flüssigkeitseinlagerungen. Korrekt müsste man daher von Lipohyperthrophie sprechen. Im Gegensatz zu normalem Übergewicht treten bei dieser chronischen Erkrankung häufig auch Schmerzen auf.“

Welche Patientengruppen sind besonders häufig von Lipödemen betroffen?

Dr. Krüger: „Die chronische Fettverteilungsstörung tritt nahezu ausschließlich bei Frauen auf. Sie kommt häufig nach hormonellen Umstellungen wie der Pubertät, einer Schwangerschaft, der Einnahme der Pille oder in den Wechseljahren auf. Bei Männern ist das Lipödem extrem selten.“

Wie wird ein Lipödem diagnostiziert?

Dr. Krüger: „Eine exakte Diagnose ist sowohl für die Behandlung als auch für die betroffenen Patientinnen wichtig. Häufig werden ihre Beschwerden mit dem Rat abgetan, Diät zu halten und mehr Sport zu treiben. Nicht jedem niedergelassenen Arzt erschließt sich auf den ersten Blick die Tragweite der Erkrankung. Und leider gibt es nicht sehr viele Spezialisten, die sich mit der Behandlung von Lipödemen beschäftigen. Oft liegen bei den Patientinnen zusätzlich eine Insulinresistenz und hormonelle Störungen vor, die ebenfalls behandlungsbedürftig sind. Daher ist es bei Verdacht auf eine Fettverteilungsstörung sinnvoll, einen erfahrenen Facharzt oder eine Fachklinik aufzusuchen.“

Warum helfen Diäten und Sport nicht bei Lipödemen?

Dr. Krüger: „Ich würde nicht sagen, dass sie nicht helfen. Denn Patientinnen mit Lipödemen sollten auf ihr Gewicht achten und ihre Ernährung daraufhin umstellen. In vielen Fällen bietet sich eine Low Carb– oder ketogene Ernährung an. Weniger gut ist dagegen eine klassische Diät, weil diese meist einen Jojo-Effekt nach sich zieht. Auch Bewegung hilft, die Beschwerden zu lindern und durch die Fettverbrennung das Gewicht zu halten. Oftmals sind beide Maßnahmen nicht immer in der Lage,  eine Remission des Lipödems zu erreichen. Sie können aber positiv auf das Fortschreiten der Krankheit einwirken.“

Wann sollte ein Lipödem behandelt werden?

Dr. Krüger: „Eine Behandlungsindikation ist jederzeit gegeben, da es sich um eine chronische, fortschreitende Erkrankung handelt, bei der die Patientinnen meist einen hohen Leidensdruck haben. Das können Schmerzen und Spannungsgefühle sein, Bewegungseinschränkungen durch die Fettanlagerungen und häufig auch ein psychisches Leiden und große Scham durch die veränderte, unproportionale Körperform.“

Welche konservativen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Dr. Krüger: „Häufig werden Kompressionsstrümpfe zur Entlastung eingesetzt. Sehr kontrovers wird in der Fachwelt die Verschreibung von manuellen Lymphdrainagen diskutiert. Diese Maßnahme stammt – wie der Name schon andeutet – aus der Lymphologie und richtet sich klassischerweise gegen Ödeme, also Schwellungen. Daher ist eine Beeinflussung des Krankheitsbildes bei krankhaft veränderten Fetteinlagerungen zweifelhaft.“

Können die Fetteinlagerungen operiert werden?

Grafental Klinik GmbH in DüsseldorfDr. Krüger: „Eine effektive Behandlungs-möglichkeit ist die Liposuktion, eine Fettabsaugung. Wir verwenden seit vielen Jahren erfolgreich die wasserstrahlassistierte Liposuktion. Dabei wird das Fettgewebe durch einen Wasserstrahl aus dem Bindegewebsverbund gelöst und durch eine Kanüle abgesaugt. Der Eingriff wird überwiegend in Vollnarkose ausgeführt, da er je nach Umfang 1,5 bis 2 Stunden dauert. Oberschenkel, Unterschenkel und Arme werden normalerweise in getrennten Sitzungen behandelt. Natürlich gibt es auch andere Verfahren, wie etwa die Tumeszenztechnik, die in Lokalanästhesie erfolgt.“

Welche Risiken hat eine Liposuktion?

Dr. Krüger: „Wenn dieser Eingriff fachgerecht ausgeführt wird, gibt es selten Komplikationen. Aber wie bei jeder Operation können auch nach einer Liposuktion Wundheilungsstörungen oder eine Infektion auftreten. Es kann zu Blutergüssen, Blutungen oder Thrombosen kommen. Wichtig ist auch, dass nicht mehr als 8 Prozent des vorhandenen Körperfettgewebes entfernt werden. Aber alles in allem ist es keine gefährliche OP.“

Welche Nachsorge und Folgebehandlungen sind notwendig?

Dr. Krüger: „Im Anschluss an die OP erfolgen eine lokale Kompression und meist auch eine Lymphdrainagen gegen Schwellungen. Allerdings ist mit der Liposuktion allein nicht alles im Lot. Die Patientinnen brauchen eine engmaschige Untersuchung und Betreuung. Um Bewegungsdefizite, die durch die Lipödeme entstanden sind, abzubauen, kann Physiotherapie verordnet werden. Auch eine Ernährungsumstellung und mögliche Depressionen lassen sich nicht unbedingt alleine bewältigen. Wie bereits erwähnt, gehen mit Lipödemen häufig auch eine Insulinresistenz oder Hormonstörungen einher. Daher haben wir in unserer Klinik ein Netzwerk geschaffen, an dem unter anderem Internisten, Endokrinologen und Physiotherapeuten beteiligt sind.“

Werden die Behandlungskosten von den Krankenkassen übernommen?

Dr. Krüger: „Die Krankenkassen tragen die Kosten der konservativen Lipödembehandlung, also Kompressionsmaßnahmen und manuelle Lymphdrainage. Die Liposuktion ist in den meisten Fällen eine Privatleistung. Seit dem vergangenen Jahr gibt es auf Initiative des gemeinsamen Bundesausschusses allerdings eine temporäre Zusage zur Kostenübernahme von Liposuktionen bis 2024. Voraussetzung ist allerdings ein großvolumiges Lipödem im Stadium 3, wobei im Vorfeld eine erfolglose konservative Therapie nachgewiesen werden muss. Zudem muss ausgeschlossen sein, dass die Patientin gleichzeitig unter einer massiven Adipositas (BMI ab 40) leidet.

Besteht die Gefahr, dass nach einer erfolgten Fettabsaugung erneut Lipödeme auftreten?

Dr. Krüger: „Das ist nicht 100 prozentig ausgeschlossen. Aber eine Liposuktion bewirkt ein dauerhaftes Ergebnis. Zusätzlich ist auch der Lebensstil entscheidend. Daher unterstützen wir die Motivation unserer Patientinnen für eine gesunde, ausgewogene Ernährung, Sport, ausreichende Bewegung und eine möglichst geringe Stressbelastung.“

 

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