Leberkrebs nur im Frühstadium heilbar


Leberzellkarzinom

Das Tückische an Leberkrebs: Er verursacht anfangs kaum Symptome. Eine frühe Diagnose kann allerdings Leben retten, sagt Prof. Dr. med. Heiner Wedemeyer, Spezialist für Gastroenterologie und Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Interview: Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Gibt es Patientengruppen, die besonders häufig von Lebertumoren betroffen sind?

Prof. Wedemeyer: „Ja, Leberkrebs tritt häufiger bei Patienten auf, die schon seit Jahren unter chronischen Lebererkrankungen leiden. Dazu zählt die Leberzirrhose, die z.B. durch Virusinfekte, übermäßigen Alkoholkonsum, eine Fettleber, Immun- oder Gallenwegerkrankungen ausgelöst wird. Eine Fettleber und Hepatitis B können auch ohne Leberzirrhose zur Entstehung von Lebertumoren führen.“

 

Wie erklären Sie es, dass die Leberkrebs-Häufigkeit in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat?

Prof. Wedemeyer: „Leberkrebs zählt weltweit zu den häufigsten Todesursachen des Mannes. Das liegt allerdings vor allem daran, dass Hepatitis B in Asien und Afrika weit verbreitet ist und sich aus dieser Erkrankung, wie eben erwähnt, häufig Lebertumoren entwickeln. In Deutschland erkranken pro Jahr knapp 10.000 Menschen an Leberkrebs. Viele der Fälle wären zu verhindern, da Hepatitis B und Hepatitis C hierzulande gut therapiebar wären. Bei den Zahlen ist aber auch zu berücksichtigen, dass auch Gallenblasen- oder Gallengangkrebs häufig der übergeordneten Diagnose ‚Leberkrebs’ zugerechnet werden.“

 

Warum erkranken Männer 2-3 Mal häufiger an Leberkrebs als Frauen?

Prof. Wedemeyer: „Männer sind grundsätzlich anfälliger für Infektionskrankheiten. Hinzu kommen hormonelle Faktoren so entwickeln Frauen vor der Menopause grundsätzlich seltener Karzinome. Ein weiterer Grund kann die geringere Eisenüberlagerung bei Frauen sein. Bei Männern kann eben diese Eisenüberlagerung die Entstehung von Leberkrebs begünstigen. Außerdem trinken Männer in der Regel mehr Alkohol als Frauen, was ebenfalls ein auslösender Faktor für Leberkrebs sein kann.“

 

Welche Symptome verursacht Leberkrebs?

Prof. Wedemeyer: „Leider verursacht Leberkrebs in den frühen Stadien fast gar keine Symptome. Schmerzen oder andere Beschwerden entstehen meist nur, wenn der Tumor auf die Leberkapsel oder die Gallengänge drückt. Aus diesem Grund sind regelmäßige Vorsorge-Untersuchungen so wichtig.“

 

Wie kann Leberkrebs diagnostiziert werden?

Prof. Wedemeyer: „Wenn bei einem Blutbild erhöhte Leberwerte auffallen, sollte alle sechs Monate ein Ultraschall erfolgen, um mögliche Veränderungen der Leber rechtzeitig zu erkennen. Außerdem können Tumormarker im Blut überprüft werden. Wichtig ist, ein Leberkarzinom frühzeitig zu erkennen, um eine Heilung zu ermöglichen.“

 

Wie sind die Überlebenschancen bei Leberkrebs?

Prof. Wedemeyer: „Das ist sehr variabel und abhängig vom Zeitpunkt der Feststellung und von der Funktionsfähigkeit der Leber. Wird ein Leberkarzinom in einem frühen Stadium erkannt, ist durchaus eine Heilung möglich oder zumindest eine gute Tumorkontrolle. Spätformen lassen sich dagegen leider nur schlecht therapieren und werden vorwiegend palliativ behandelt. Die Überlebenszeit liegt hier leider weit unter einem Jahr.“

 

Wie wird Leberkrebs behandelt?

Prof. Wedemeyer: „Für die Therapie von Leberkarzinomen haben wir viele Optionen. Besonders in den frühen Stadien ist eine Operation, also die Entfernung des Tumors, möglich. Bei der sogenannten Radiofrequenzablation wird eine Nadel in den Tumor eingebracht, die dann durch Erhitzung das Tumorgewebe zerstört. Bei nicht operablen Lebertumoren kommt häufig eine transarterielle Chemoembolisation (TACE) zum Einsatz. Mit Hilfe eines Katheters wird ein Chemotherapeutikum über die Leiste eingeführt, vor Ort in die Tumor versorgenden Gefäße appliziert und diese anschließend verschlossen. Bei der selektiven internen Radiotherapie (SIRT), auch als Radioembolisation bezeichnet, werden ebenfalls mit Hilfe eines Katheters radioaktive Kügelchen in den Tumor eingebracht, die diesen von innen bestrahlen. Denkbar ist in Einzelfällen auch eine Bestrahlung (Radiotherapie) von außen oder häufiger eine klassische Systemtherapie, z.B. mit Substanzen, die Tumorwachstum in Schach halten können, wie Tyrosinkinaseinhibitoren. Falls der Tumor auf keine dieser Therapien anspricht, kommt das relativ junge Verfahren der Immuntherapie zum Tragen. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie hat nachgewiesen, dass Patienten von einer Kombination der Antikörper Bevacizumab und PD-L1 profitieren. Hier wird in den kommenden Jahren sicher noch viel passieren, was die Prognose bei Leberkrebs verbessern wird. Und last but not least besteht für Patienten mit hepatozellulärem Karzinom (Leberzellkarzinom, HCC) die Möglichkeit einer Lebertransplantation.“

 

Wie sind die Erfolgsaussichten bei einer Lebertransplantation?

Prof. Wedemeyer: „Eine Lebertransplantation gehört in Deutschland zu den Standardoperationen. Im letzten Jahr wurden in Deutschland etwa 800 Lebertransplantationen ausgeführt, ein wesentlicher Teil der Patienten hatte ein Leberzellkarzinom. Dabei müssen allerdings sehr strenge Kriterien erfüllt sein, was Tumoranzahl und -größe betrifft. Die Überlebensrate ist sowohl kurz-, als auch langfristig gut: Sie beträgt nach einem Jahr etwa 90 Prozent, nach fünf Jahren immerhin noch 75 – 80 Prozent. Das Problem ist leider, dass es in Deutschland zu wenig Organspender gibt. Die Vergabe von Spenderlebern ist nach strengen und transparenten Regeln organsiert. Je kränker jemand ist, desto schneller erhält er ein Spenderorgan. Patienten, die warten müssen, sammeln während der Wartezeit Punkte innerhalb der Bewertungsskala und rutschen entsprechend auf der Warteliste nach oben. Allerdings muss man wissen, dass der Tumor während der Wartezeit wachsen kann und der Patient damit nicht mehr die Kriterien für eine Transplantation erfüllt und von der Liste genommen werden muss. Die wenigsten Patienten können somit lange warten. Daher brauchen wir dringend mehr Organspender.“

 

Welche neuen Forschungen bzw. Erkenntnisse gibt es in Bezug auf die Behandlung von Leberkrebs?

Prof. Wedemeyer: „Was wir erwarten, sind weitere Bio-Marker, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, also Computerprogrammen, die Entstehung von Leberkarzinomen vorhersagen können. Dies würde entweder eine engmaschige Überwachung bzw. Behandlung der Tumoraktivität ermöglichen oder aber einen Tumor mit hoher Sicherheit ausschließen können. Außerdem brauchen wir unbedingt mehr Organspender. Jede Leber, die wir transplantieren, schenkt dem Empfänger wertvolle Lebenszeit. Die Immuntherapien und die zielgerichteten Therapien werden in Zukunft auch bei Leberkrebs eine weitreichende Rolle spielen. Ob sie auch für Patienten in Frage kommen, die aufgrund einer eingeschränkten Leberfunktion nicht für andere Therapien in Frage kommen, müssen zukünftige Studien zeigen.“

 

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