Künstlicher Darmausgang nur selten notwendig


Kolonkarzinom

Darmkrebs ist bei Frauen in Deutschland die zweithäufigste, bei Männern die dritthäufigste Krebserkrankung. Die einzige Heilungsmöglichkeit ist eine Operation, sagt Prof. Dr. med. Dirk Graf, Spezialist für Gastroenterologie und Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie und Onkologie im Kreiskrankenhaus Grevenbroich St. Elisabeth.

Interview: Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Gibt es Patientengruppen, die besonders häufig von Darmkrebs betroffen sind?

Prof. Graf: „Ja, die gibt es. Allgemeine Risikofaktoren für das Entstehen von Darmkrebs sind Übergewicht, körperliche Inaktivität, Rauchen, Alkohol, ein hoher Konsum an rotem bzw. verarbeitetem Fleisch und ballaststoffarme Kost.  Spezifische Risikogruppen für das Auftreten eines Darmkrebses sind erst- und zweitgradig Verwandte von Patienten, die selber an einem Darmkrebs erkrankt sind, zudem Patienten, bei denen bereits Polypen (Adenome) diagnostiziert wurden. Es gibt auch erblich bedingte Krebssyndrome, die mit einem hohem Darmkrebsrisiko einhergehen, wie das sog. HNPCC-Syndrom und adenomatöse und nicht-adenomatösen  Polyposis-Syndrome. Auch bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, wie insbesondere die Colitis ulcerosa, findet sich gehäuft Darmkrebs.“

Welche Tumore des unteren Verdauungstraktes behandeln Sie am häufigsten?

Prof. Graf: „Die häufigsten Tumoren stellen die Dickdarm- und Enddarmkrebse dar, seltener sind sogenannte Analkarzinome.“

Welche Darmtumore sind aufgrund ihrer Lage leicht erreichbar, welche schwieriger?

Prof. Graf: „Das kann man schwer pauschalisieren, in der Diagnostik sind alle Tumoren durch die Darmspiegelung erreichbar und damit diagnostizierbar. Die operative und möglicherweise begleitende Therapie hängt dann von der Lage und dem Ausmaß der Tumorerkrankung ab.“

„So viel minimalinvasiv wie möglich“ – gilt das auch für die Darmchirurgie?“

Prof. Graf: „Prinzipiell ist das richtig, denn die laparoskopische Resektion von Kolon- und Rektumkarzinomen geht bei entsprechender Expertise des Operateurs mit gleichen onkologischen Ergebnissen einher, im Vergleich zur offenen Operation bei allerdings geringerer chirurgischer Morbidität und Komplikationsrate.  Ein minimalinvasives Vorgehen ist aber nicht immer möglich und hängt insbesondere von der Lage und dem Ausmaß der Darmkrebserkrankung ab.“

Zur Behandlung des Dickdarmkrebses (Kolonkarzinom) werden häufig Teile des Darms entfernt. Erfordert dies nach wie vor häufig einen künstlichen Darmausgang?

Prof. Graf: „Zum Glück kann heutzutage die Anlage eines künstlichen Darmausgangs häufig umgangen werden und es wird dann eine direkte Verbindung des Darmes durch eine Anastomose (Querverbindung) wieder hergestellt. In  Notfallsituationen, bei Darmverschluss oder tief sitzenden Rektumkarzinomen mit Notwendigkeit einer tiefen Anastomose, wird häufig ein künstlicher Darmausgang für eine begrenzte Zeit von 3-6 Monaten angelegt. Dies betrifft aber nur eine kleinen Teil der Patienten. Eine dauerhafte Anlage eines künstlichen Darmausganges wird dann nötig, wenn die Schließmuskelregion befallen ist und das Rektum somit komplett entfernt werden muss.“

In welchen Fällen müssen Rektum und Anus komplett entfernt werden?

Prof. Graf: „Das Rektum und der Anus müssen dann komplett entfernt werden, wenn die Darmtumoren so tief liegen, dass der Analkanal bzw. der Schließmuskel infiltriert und damit ebenfalls reseziert werden müssen, um den Tumor komplett im Gesunden entfernen zu können.“

Was bedeutet dies für die Verdauung des Patienten?

Prof. Graf: „Im Falle der Entfernung von Anteilen des Dickdarmes steht entsprechend weniger Resorptionsfläche für wässrige Bestandteile des Stuhls zur Verfügung, so dass Patienten nach Darmresektionen häufiger mal über etwas breiigen Stuhl berichten, ohne dass es zu wesentlichen alltäglichen Einschränkungen kommt. Auch kann der Schließmuskel z.B. durch Vorbehandlungen oder die Operation selbst in seiner Funktion beeinträchtigt werden, so dass Probleme mit der Kontinenz auftreten können. Durch Beckenbodentraining und Training des Schließmuskels kann man häufig aber wieder eine gute Funktion des Schließmuskelapparates  erreichen.“

Darmkrebs wird häufig erst entdeckt, wenn er bereits Metastasen in anderen Organen gebildet hat. Was bedeutet dies für die Therapie?

Prof. Graf: „Bei Erstdiagnose findet sich bei ca. 25 % der Patienten bereits eine Fernmetastasierung. Bei einem Teil der Patienten mit begrenzter Metastasierung wird neben der Resektion des eigentlichen Darmtumors ebenfalls eine Resektion der Metastasen unternommen. Bei ca. 70 % der metastasierten Patienten ist das leider primär nicht möglich, so dass man meist eine Chemotherapie einleitet. Im Verlauf wird man die Ausbreitungsdiagnostik bei zuletzt genannten Patienten immer wiederholen, um ggfs. die Patienten zu identifizieren, die im Verlauf, d.h. sekundär, resektabel, also operationsfähig, werden.“

Wie häufig kommen bereits im Vorfeld eines chirurgischen Eingriffs Chemo- bzw. Radiotherapie zum Einsatz?

Prof. Graf: „Bei Rektumkarzinomen des unteren und mittleren Drittels des Rektums wird bei Nachweis von Lymphknotenmetastasen oder im Falle der Wandüberschreitung eine vorbereitende Therapie, bestehend aus einer Kombination von Bestrahlung und Chemotherapie, Wochen vor der Operation durchgeführt.“

Wie groß sind die Heilungschancen?

Prof. Graf: „Die Heilungschancen hängen streng von dem Tumorausmaß und dem Vorliegen von Lymphknoten- oder Fernmetastasen ab. Über alle Tumorstadien zusammen liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei ca. 65 Prozent. Auch bei fernmetastasierten Patienten mit resektablen Metastasen kann noch eine 5-Jahres-Überlebensrate von 30-40 Prozent erreicht werden.“

Die besten Heilungschancen bestehen bei einer frühzeitigen Diagnose. Warum nutzen viel zu wenige Menschen die Möglichkeit der Früherkennungsuntersuchungen?

Prof. Graf: „Tatsächlich nutzen zu wenige der Teilnahmeberechtigten die Möglichkeit der Vorsorgekoloskopie, was sehr schade ist. Gründe dafür sind u.a. Ängste vor potentiellen Komplikationen der Untersuchung, Scham und Sorge vor den Abführmaßnahmen. Insgesamt muss man aber sagen, dass die Darmspiegelung eine sehr sichere Methode ist und Komplikationen nur selten auftreten.“

 

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