Die Macht der ersten 1000 Tage


Ernährungsmedizin

Doktor Matthias Riedl, Spezialist für Diabetologie und Ernährungsmedizin sowie Geschäftsführer und Ärztlicher Leiter medicum Hamburg MVZ GmbH, beantwortet wichtige Fragen zu seinem neuen Buch "Die Macht der ersten 1000 Tage" im Leben eines Kindes.

Dr. med. Matthias Riedl

 

Was ist frühkindliche Prägung in Bezug auf Ernährung?

Buchcover Dr. med. M. Riedl "Die Macht der ersten 1000 Tage"

Die Gene bestimmen zwar 75% der Gesundheit mit. Aber die verbliebenen 25% werden durch den Lebensstil und die Ernährung geprägt.

Was viele Menschen nicht wissen: Unsere Kinder werden im Mutterleib und in den nachfolgenden zwei Jahren auf Essbares getrimmt und geprägt. Das ist bei allen Primaten so. Der kleine Orang Utan lernt von seiner Mutter, welche 100 Pflanzen er essen darf und welche der hunderten ihm schaden oder ihn auf der Stelle töten. Dieser Mechanismus wird in unserer Gesellschaft zum Verhängnis, weil sich viele Eltern dieser Phase nicht bewusst sind und erst später mit der Ernährungserziehung, wenn überhaupt, beginnen, wenn es schon zu spät ist. Sobald das Kleine beidäugig sehen kann, ahmt es die Eltern nach. Essen sie mehr Gemüse verdoppelt, sich die Wahrscheinlichkeit, dass es das Kind später auch tun wird. Im Mutterleib schmecken die Kinder, was Mami isst und gewöhnt sich dran. Aber auch was Mami und Papi vor der Eibefruchtung essen, wirkt sich auf das Kind aus. Ein Beispiel für die Imitation und Vorbildfunktion: Mittelschichteltern, ein einjähriges Kind und eine Zweijährige sitzen am Tisch im Strandrestaurant. Die Eltern wollen alles richtig machen und bewirken das Gegenteil: Sie  trinken Cola, die Kinder bekommen vermeintlich gesunden Kakao, der nicht weniger süß ist als die Cola. Doppelfehler! Natürlich greifen die beiden nach dem Getränk der Eltern - klar Nachahmung. Die Eltern verweigern die Cola mit der Begründung: "Das ist Erwachsenenbrause." Fatal, denn was wollen die Kleinen sehnlicher, als das zu tun und so zu sein wie die Eltern. Der Wunsch nach dieser Erwachsenenbrause ist jetzt programmiert.

 

Ab welchem Alter beginnt die frühkindliche Prägung?

Eigentlich schon vor der Zeugung, aber scharf gestellt wird das im Muttilein und den zwei Jahren danach. Mit dem Kindergartenalter, wo die Gesellschaft erst beginnt mit der Schulung für gesunde Ernährung, ist das meiste schon angelegt.  Wer jetzt Gesundes mit dem Hinweis darauf anpreist, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die  Nahrungsmittel abgelehnt werden. Gesund ist kein Argument für Kinder. Nie. Sondern bewirkt Ablehnung. Dies zieht sich bis in das junge Erwachsenenalter mit Anfang 20, wenn die jungen Menschen wieder erreichbar sind für Argumente und rationales Essverhalten.

 

Wie beeinflusst die frühkindliche Prägung unser Erwachsensein?

Dr. med. M. Riedl Buchcover "Das Kochbuch der ersten 1000 Tage"

Ganz erheblich. Unsere Vorlieben für bestimmte Nahrungsmittel, die Neigung sich mit Süßem zu trösten, Zwänge, den Teller leer zu essen, das Risiko dick zu werden, Diabetes zu bekommen oder andere Zivilisationskrankheiten. Ich bekomme häufig Hilferufe von Eltern "Hilfe, meine Tochter isst nur Fischstäbchen, Nudeln, Toast und Ketchup". Wer seine Kinder schon früh Vanillegeschmack aussetzt, erhöht die Wahrscheinlichkeit für spätere Ketchup-vorliebe und damit für Junkfood. Eine übergewichtige Mutter prägt ihr Kind auf Übergewicht und Diabetes durch Veränderung der epigenetischen Informationen. Besonders fatal: Eine Schwangere, die Mangel erlitten hat, gebärt ein Kind, das, wenn es später im Überfluss aufwächst, zu Übergewicht neigen kann. Was viele Menschen nicht bedenken: Im Mutterleib und danach entsteht ein Mensch aus Nahrungsmitteln. Sind diese schlecht gewählt, erhöht sich beispielsweise die Wahrscheinlichkeit für Allergien, ADHS und Neurodermitis oder es vermindert sich die maximal mögliche Intelligenz. Womöglich reden wir hier über den Grad des Schulabschlusses und nicht nur über Einsern und Zweiern statt Vieren und Fünfern im Zeugnis. Dies kann eine nicht zu unterschätzende Chancenungleichheit im Leben von Menschen werden - eine Bürde für das ganze Leben. Und wir sprechen hier nicht von Drogenmissbrauch sondern nur von schlechtem Essen. Dieser Aspekt der Chancengleichheit findet in unserer politischen Diskussion noch gar kein Gehör. Aber Chancengleichheit fängt spätestens im Mutterleib an.

Alkoholkonsumierende Eltern beeinflussen schon vor der Zeugung die Ansprechbarkeit für Alkohol beim Nachwuchs. Eltern, die viel Sport machen, verbessern die kognitive Leistung der Nachkommen.

Die folgende Übersicht soll ein paar Schlaglichter auf die umfassende Art werfen, mit der Eltern über ihren Lebensstil, den sie vor der Geburt pflegen, ihre Kinder epigenetisch prägen. Die meisten Ergebnisse stammen natürlicherweise vor allem aus Studien, in denen Tiere, meist Mäuse, als Modellorganismen dienen. Trotzdem tragen diese wertvollen Hinweise dazu bei, dass es sich beim Menschen ähnlich verhalten könnte.

 

Die Rolle der Väter

  • Sind Männer übergewichtig, wenn sie ein Kind zeugen, kann dies das Brustkrebsrisiko der Töchter erhöhen. Sie fanden veränderte molekulare Marker im Sperma der Väter und später im Brustgewebe der weiblichen Nachkommen. Zudem entwickelten sich deren Brustdrüsen anders als bei Weibchen mit normalgewichtigen Vätern.
  • Ernähren sich Väter vor der Zeugung ihres Kindes so schlecht, dass ein Folsäure-Mangel auftritt, kann das Risiko für Fehlbildungen im Schädel-Gesichts-Bereich und am Muskel-Skelett-System aufgrund epigenetischer Veränderungen steigen (400 Milligramm pro Tag sollten es sein).
  • Umgekehrt gibt es auch ein Zuviel des Guten: Konsumieren Väter in hohem Maße Nahrungsergänzungsmittel, die zu einer Überversorgung, beispielsweise an Folsäure und Vitamin B12 führt, kann das die Lern- und Gedächtnisfähigkeit der Nachkommen schwächen.
  • Väter, die extremen psychischen Stress erfahren, weisen häufig einen erhöhten Blutzuckerspiegel auf. Diese Stoffwechselstörung können sie epigenetisch an ihren Nachwuchs weitergeben – auch die Babys haben dann erhöhte Blutzuckerwerte.
     

Auswirkung des Lebensstils der Mutter vor der Schwangerschaft via Epigenetik

  • Sind Mütter bereits vor der Schwangerschaft übergewichtig, kommt es bei ihren Kindern bereits im Grundschulalter häufig zu Störungen im Zuckerstoffwechsel.
  • Weisen zukünftige Mütter einen angemessenen Spiegel an Folsäure und Eisen auf, ehe sie schwanger werden, kann sich das positiv auf den Stoffwechsel der Kinder auswirken – und beispielsweise das Risiko der Kinder für Übergewicht reduzieren (400 Milligramm pro Tag).
  • Traumatische Erfahrungen vor der Schwangerschaft beeinflussen das Stresshormonsystem der Nachkommen – und erhöhen damit das Risiko für stressinduzierte Erkrankungen.
  • Frauen, die vor Eintritt der Schwangerschaft einen erhöhten BMI aufweisen, haben ein überdurchschnittliches Risiko, dass es in der Schwangerschaft zu Komplikationen kommt.
     

Häufig süße, fettreiche und prozessierte Nahrungsmittel während der Schwangerschaft bewirken ein höheres Risiko für Entwicklungsverzögerungen wie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

  • Sind Schwangere einer Vielfalt von Mikroben ausgesetzt, etwa, weil sie auf einem landwirtschaftlichen Hof arbeiten, erkranken ihre Kinder seltener an Allergien.
  • Hören Schwangere auf zu rauchen, senkt dies das Risiko enorm, dass ihr Kind im ersten Lebensjahr am unerwarteten Kindstod stirbt. Der Grund liegt sehr wahrscheinlich in ausbleibenden epigenetischen Veränderungen, mit denen der Körper von Rauchern auf das Nervengift Nikotin reagiert.
  • Traumatische Erlebnisse während der Schwangerschaft hinterlassen epigenetische Spuren, wie Untersuchungen an Babys ergaben, deren Mütter einen schlimmen Schneesturm erlebt hatten. Die Kinder sind leichter reizbar und reagieren empfindlicher auf das Stresshormon Cortisol – was wiederum das Immunsystem schwächt.
  • Sind Schwangere dauergestresst, leiden sie unter Ängsten oder Depressionen, dann setzt auch das epigenetische Signaturen. Entwicklungsverzögerungen der Kinder können ebenso eine Folge sein wie emotionale Auffälligkeiten oder Besonderheiten im Verhalten.

 

Was sind falsche Prägungen in Bezug auf Ernährung?

Da gibt es viele Beispiele: Das fängt im Mutterleib an, wenn die Kinder an den Geschmack artgerechter Ernährung oder an Junkfood gewöhnt werden. Viele Eltern meinen es gut und vertrauen dem  gut ausgeprägten Sättigungsgefühl ihres Säuglings nicht. Hunger signalisieren Kinder nahezu perfekt und nervtötend. Stattdessen füttern die besorgten Eltern es ohne Unterlass und schlimmer noch, sie wollen es glücklich sehen, wenn sie ihm minderwertige Backwaren und Süßes anbieten. Auch schlimm: Kekse anbieten, damit die Kinder Ruhe geben. Das ist nahezu Essdressur. Das ist der Startschuss für ein fehlendes Sättigungsgefühl, einer der Gründe für späteres Übergewicht. Oder die Gewöhnung an extreme Süße, die von der Industrie als Verkaufsförderer verwendet wird. Dies fördert die zwei Grundübel für Zivilisationskrankheiten und Übergewicht, wie der hierzulande übliche vierfach erhöhte Zuckerkonsum und das weit verbreitete ‚Snacking‘. Aber auch der Klassiker: Süßes als Trost bei Kummer werden im Erwachsenenalter schnell zur Verhaltenssucht, die schwer wieder auszumerzen sind. Denn: Die Essprägung ist überlebenswichtig in der Natur und sehr stabil. Klar, es geht von alters her um die richtige Ernährung. Wer in der Kleinkindzeit versäumt, die gesunde Bandbreite der Gemüsesorten und Kräuter zuzufüttern, engt das Repertoire ein und überlässt die Bildung der Geschmacksvorlieben der Industrie mit den Hauptrichtungen süß und salzig. Das sind nur wenige Beispiele. Vielfalt in der Ernährung ist ein wesentliches Element gesunder Ernährung und schützt vor Mangel und Krankheiten.

 

Woran merke ich, dass ich mein Kind falsch präge?

Zum Beispiel, in etwa: Wenn Ihr Kind immer nur Cola und Pommes will, dafür aber gerne einen Apfel isst, scheint alles o.k. zu sein – oder eben auch nicht!

Ich gehe nach meinen Beobachtungen davon aus, dass nahezu alle Eltern ihre Kinder falsch prägen, weil sie es noch nie so nachlesen konnten wie im neuen Buch "Die Macht der 1000 Tage". Auch ich habe als Vater viele Fehler gemacht. Aber es kommt nicht darauf an, alles perfekt zu machen, sondern die wichtigsten Punkte zu beachten: Wir haben ja alle neuen Forschungen ausgewertet, und viele Infos stehen ja jetzt erst zur Verfügung. Die Eltern merken es klar, wenn sie dem Quengeln von Kindern bei Ungesundem meinen Nachgeben zu müssen. Aber das ist ganz klar das Resultat, wenn Kinder ihr Essspektrum stark eingeschränkt haben aufgrund der Tatsache, dass Eltern sich auch noch an diesen schmalen Nudel-Fischstäbchen-Ketchup-Korridor halten. Wenn Kinder nach viel Süßigkeiten verlangen, dann ist da schon was schief gelaufen. Beispiel: Vater ist mit Kind beim Sportclub. Der Vierjährige möchte die Fanta aus dem Automaten. Der Vater kauft sie und belastet mit diesem halben Liter das Tages das ‚Zuckerkonto‘ des Kindes über die Gebühr. Jetzt müsste genau kommuniziert werden. Hat das Kind nach dem Sport Durst? Dann ist nichts köstlicher als Wasser. Das kann man lernen. Allein schon die Nachfrage des Kindes sollte Eltern hellhörig werden lassen, denn so sollte es nicht sein. Gibt es keine klaren Regeln über Süßigkeiten? Kann das Kind die so anfordern? Vielleicht auch noch damit der Vater seine Ruhe hat? Anderes Beispiel: Wieder Sportclub. Das 5-jährige Kind will sich nicht selbst umziehen. Der Vater droht mit Strafe, „man werde nicht wieder zum Schwimmen gehen“. Reaktion des Kindes gleich null. Dann bietet er - mit dem Nerven nach 10 Minuten am Ende - auch noch eine Belohnung mit Süßigkeiten an. Das Kind schlägt widerwillig aber langsam ein und beginnt sich umzuziehen. Ein mehrfacher Offenbarungseid des Vaters als Inkonsequenz und falscher Essprägung.

 

Sind ungesunde Ausnahmen erlaubt, oder präge ich es damit direkt falsch?

Aber natürlich. Ungesundes wie Süßes sollte gezielt und nach festen Regeln vermittelt werden. Zum Beispiel: Die Fanta gibt es zu Festen oder besonderen Anlässen. Thema durch. Hart bleiben. Ausnahmen dürfen mal sein, sind dann aber selten und müssen von den Eltern vermittelt werden. Glasklar. Fertigprodukte sind stark zu reduzieren. Großeltern und Pflegepersonen sollten in das Prozedere eingeschlossen werden. Es kann passieren, dass Onkel, Tanten und Omas alles verderben mit einer falsch verstandenen Großzügigkeit in puncto Süßigkeiten.

 

Wie programmiere ich mein Kind (und mich) wieder auf gesundes Essen?

Behandlungszimmer Doktor Riedl

Erst einmal muss klar werden, was gesundes Essen ist. Wir sprechen über 300 bis 500 g Gemüse und max. 150 g eher zuckerarmes Obst, die richtige Proteinmenge (nicht zu viel oder zu wenig) und kalorienfreie Getränke, geregeltes gemeinsame Einnehmen der Mahlzeiten, keine Snacks und wertschätzendes Verhalten der Eltern gegenüber dem Nachwuchs. Eltern können beispielsweise die Kinder auf Gemüse neugierig machen, indem sie es vor essen und es sich wegnehmen lassen. Je früher man mit so was beginnt, desto besser.  Eltern müssen wieder lernen, abwechslungsreicher in puncto Gemüse zu essen und gesunde Fette zu bevorzugen. Die Prägung des Kindes fängt bei den Eltern an. Ohne das geht es nicht. Wer da viel nachzuholen hat, dem empfehle ich unserer Checklisten zum Changemanagement aus dem "20:80 Prinzip", ebenso erschienen bei GU. Die angeborene Abneigung gegenüber Saurem und Bitteren müssen die Elterndurch stückweises Ergänzen in den Gerichten langsam überwinden. Viele Gemüse enthalten gesunde Bitterstoffe. Die Eltern wie auch die Kinder können sich an diese Stoffe langsam gewöhnen. Sie können sogar zu Lieblingsspeisen werden. Das bewirkt der ‚mere-exposure-effect‘, der besagt, dass wir das lieben, was wir essen. Allerdings müssen wir dem wiederholt ausgesetzt werden. Nicht jeden Monat, sondern häufiger. Idealerweise eine Zeit lang jede Woche. Sonst greift es nicht.

 

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