Aortenaneurysmen – die leise Gefahr


Gefäßchirurgie

Aortenaneurysmen – die leise Gefahr

Aneurysmen, gefährliche Aussackungen der Hauptschlagader, bleiben oft über einen langen Zeitraum hinweg unbemerkt.

Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO

 

Wenn die Betroffenen Veränderungen spüren, ist meist bereits ein gefährliches Stadium erreicht. Aortenaneurysmen entstehen unbemerkt, da sie zunächst keine direkten Beschwerden auslösen. Der Großteil der Aneurysmen wird zufällig im Rahmen von anderen Untersuchungen entdeckt, wie z.B. beim Ultraschall des Bauchraums. Dr. med. Reza Ghotbi ist Chefarzt und Spezialist für Gefäßchirurgie am Helios Klinikum München West. Die Aneurysmachirurgie gehört zu seinen Behandlungsschwerpunkten. Daher befürwortet er, dass die Untersuchung der Hauptschlagader bei Männern im Alter von 65 Jahren aufwärts seit neuestem in das Leistungsspektrum der Vorsorgeuntersuchungen der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen wurde: „Wenn wir Aortenaneurysmen rechtzeitig, in einem noch asymptomatischen Stadium, entdecken, können wir den Patienten beinahe in 100 Prozent aller Fälle helfen. Bleiben Aneurysmen dagegen unentdeckt und unbehandelt, steigt das Rupturrisiko stetig. Bei einem Durchmesser von mehr als 7 cm wird das Aneurysma eher früher als später platzen. In so einem Fall sind die Überlebenschancen äußerst gering“.

 

Raucher sind besonders gefährdet

Aneurysmen können angeboren sein oder im Laufe des Lebens entstehen. Dabei verbreitert sich die Arterie an einer bestimmten Stelle. Dort entsteht eine Art „Beutel“ an der Arterienwand. An dieser Stelle ist das Gewebe nach Entzündungen oder Verletzungen geschwächt. Es besteht die Gefahr, dass die Arterie reißt, bzw. Blut einsickert. „Dadurch entsteht eine lebensgefährliche Situation“ so Gefäßspezialist Ghotbi, „die Betroffenen können innerhalb kürzester Zeit innerlich verbluten. Außerdem können sich in den Aussackungen kleine Blutgerinnsel, sogenannte Thromben, bilden, die Gefäße verstopfen können“.  Aneurysmen treten nach Angaben von Dr. Ghotbi häufig in der Bauchschlagader auf. 90 Prozent bilden eine Aussackung unterhalb der Nieren, bei der die Aorta ballonförmig erweitert ist. Zu den besonderen Risikogruppen gehören Raucher, Patienten mit hohem Blutdruck und anderen Gefäßerkrankungen, Patienten mit einer familiären Vorbelastung sowie Rheumatiker, bei denen entzündliche Prozesse Veränderungen der Aortenwand auslösen können. Häufig sind Männer ab einem Alter von 60 Jahren betroffen.

 

Unklare Symptome

Wenn ein Aortenaneurysma platzt, spürt der Betroffene einen heftigen, stechenden Schmerz und einen rasanten Blutdruckabfall. In diesem Fall kommt es auf jede Sekunde an. In der Regel ist eine Notfall-Operation notwendig. Vorausgehende Beschwerden sind meist nicht direkt zuzuordnen, erklärt Dr. Ghotbi: „Oft klagen Aneurysmapatienten über Rücken- oder Flankenschmerzen, reagieren empfindlich auf Druck oder spüren ihren Pulsschlag im Bauch“. Der Patient ist dann darauf angewiesen, dass beispielsweise der behandelnde Orthopäde das Aneurysma erkennt und an einen Gefäßspezialisten verweist.

 

Schonende Therapie

Wird ein Aneurysma in einem frühen Stadium entdeckt und zeigt keine besonderen Wachstumstendenzen, besteht die Möglichkeit, die Erkrankung mit Hilfe von Medikamenten, wie z.B. Blutdrucksenkern, zu stoppen. Dr. Ghotbi spricht bei einem Durchmesser im Größenbereich von 2 bis 2,5 cm noch von einem „Normalbefund“, bei 3 cm ist die Schlagader zwar geweitet, aber noch intakt. „Handlungsbedarf besteht bei Frauen ab einer Größe von 4,5 Zentimetern, bei Männern ab 5 Zentimetern. Auch wenn das Aneurysma sehr schnell wächst, also z.B. ½ Zentimeter innerhalb von 6 Monaten“, so der Chefarzt, „dann müssen wir die Ausweitung entfernen und durch eine Prothese ersetzen oder heute minimal invasiv eine Prothese in die Arterie einlegen“. Bei der klassischen Operation öffnet der Chirurg den Bauch, klemmt die Aorta ab, setzt die Prothese ein und stellt den Blutfluss wieder her. Der Aneurysmasack wird dabei entweder entfernt oder mit der Prothese vernäht. Dr. Ghotbi und sein Team führen mehr als 90 Prozent aller Aneurysmaoperationen endovaskulär ohne Bauchschnitt durch: „Dabei wird über die Leistenarterie eine Gefäßprothese in das Aneurysma geschoben und dichtet es von innen ab. Mittlerweile behandeln wir mit diesem Standardverfahren  pro Jahr zwischen 100 und 120 Patienten. Dabei verwenden wir auch individuell angepasste Stents“.

 

Gute Heilungschancen

Dr. Ghotbi betont, dass die Komplikationsrate bei diesen Eingriffen weniger als 1 Prozent beträgt. Bei einer offenen Operation nimmt die Genesungszeit etwa drei Monate in Anspruch. Bei einem endovaskulären Eingriff werden die Patienten bereits nach drei bis vier Tagen nach Hause entlassen. „Der große Vorteil ist auch, dass ein endovaskulärer Eingriff auch für ältere Patienten möglich ist. Für einen 80-jährigen Mann, der unter schweren Herzkreislaufbeschwerden leidet, kommt eine offene Operation nur als vitale Indikation in Frage. Endovaskulär ist dies dagegen in aller Regel kein Problem“, so der Gefäßchirurg. Besser sei es allerdings, bereits in jüngeren Jahren regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen und seine Blutgefäße im Zweifelsfall auch auf eigene Kosten untersuchen zu lassen. Damit sich Aneurysmen nicht leise und unentdeckt zur lebensgefährlichen Erkrankung auswachsen können.

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